MEIN HEIDELBERG.

„Der Kurpfälzer ist lustig und relaxed“

Professor Dr. Werner Franke, führender Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und einer der profiliertesten Doping-Gegner der Welt, über die Hintermänner des organisierten Einsatzes illegaler Mittel im Spitzensport, die erfrischende Leichtigkeit des Seins in der Kurpfalz und seine Vorliebe für ein gepf legtes Bier.

Eichbaum Aktuell: Herr Professor Franke, in Fachkreisen genießen Sie als Zell- und Molekularbiologe rund um den Globus höchste Anerkennung, in der breiten Öffentlichkeit sind Sie jedoch vorwiegend als Anti-Doping-Papst bekannt. Was genau fesselt Sie an diesem Thema?
Professor Franke: Mir geht es vor allem um zwei Dinge. Zum einen um die körperlichen Folgen des Dopings: Bei Frauen zum Beispiel führt der Missbrauch von Anabolika bekanntlich zur Vermännlichung. In Extremfällen riskieren die Sportler sogar ihr Leben. Die deutsche Weltklasse-Siebenkämpferin Birgit Dressel ist letztlich an den Nebenwirkungen und der folgenden falschen Behandlung gestorben. Wobei außer mir noch immer kaum jemand wagt, das so konkret zu formulieren. Und das leitet mich direkt zum zweiten Punkt: Es ist ja nicht so, dass die Athleten selbst in die Uni-Bibliothek gehen und sich über neue Derivate von
Mitteln zur Leistungssteigerung informieren. Nicht einmal Ärzte und Sportmediziner sind in der Lage, entsprechende Rezepturen und Konzepte zu entwickeln – sie sind lediglich die ausführenden Organe. Die Anleitung dazu kann ja nur von fachlich höchst kompetenten Wissenschaftlern kommen. Und da fast niemand den Mut hat, die akademische Elite anzugreifen, habe ich beschlossen, diese Aufgabe zu übernehmen und die Personen wie die Dinge beim Namen zu nennen. Das steht im Übrigen auch im Einklang mit meinem schlichten Selbstverständnis als Naturwissenschaftler: Ich schaffe Wissen, um dieses anschließend zu veröffentlichen. In aller Klarheit, mit vollem Namen.

Eichbaum Aktuell: Der prominenteste der gefallenen deutschen Radsport-Helden wiederholte gebetsmühlenartig die Beteuerung, er habe niemanden betrogen. Muss man seine Aussage nach den jüngsten Doping-Enthüllungen im Radsport denn nicht ironischerweise sogar als wahr einstufen?
Professor Franke: Sie meinen, weil alle anderen auch gedopt waren? Nein, das kann man so nicht sehen. Es gab und gibt zum Glück auch noch saubere Athleten. Auch wenn darunter wahrscheinlich einige sind, die nicht freiwillig auf illegale Mittel verzichten, sondern weil Dopingvergehen in ihren Ländern schärfer verfolgt werden. Oder glauben Sie, es ist reiner Zufall, dass seitBernard Hinault 1985 kein Franzose mehr die Tour de France gewonnen hat? Und was man bei der ganzen Diskussion niemals vergessen darf: Wer dopt, betrügt nicht zuletzt seine Fans und das gesamte Publikum, vor allem die Jugend.

Eichbaum Aktuell: Lassen Sie uns noch ein bisschen über erfreulichere Dinge als Doping reden. Sie sind in Paderborn geboren und aufgewachsen, leben aber schon seit über 50 Jahren in der Kurpfalz. Wie kam es, dass Sie Ihr Herz an Heidelberg verloren haben?
Professor Franke: Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Besuch in Heidelberg. Damals war ich 16 und trat bei einem Sportfest der TSG im 800-Meter-Lauf an. Die Kurpfalz erschien mir wie ein echtes Paradies: Alles war grün, überall gab es Erdbeeren und Kirschen. Und die Leute sprachen zwar ganz komisch, aber sie waren locker und richtig gut drauf. Nach dem Wettkampf gingen wir dann alle zum Feiern an den Neckarkanal und tranken Radler – auch das kannte ich noch nicht.

Eichbaum Aktuell: Also war es gewissermaßen Liebe auf den ersten Blick?
Professor Franke: So könnte man es ausdrücken. Auf jeden Fall erwiesen sich meine Assoziationen zu Heidelberg als ziemlich nachhaltig: viel Sonne, lustige Menschen, und alles total relaxed. Deshalb lag es natürlich nahe, hier zu studieren und Land und Leute besser kennenzulernen. Vor allem sonntags unternahm ich damals immer Spaziergänge auf dem Philosophenweg bis hin zum Kloster Neuburg. Außerdem war ich in den 1960er-Jahren Haupttexter für „Das Bügelbrett“, das als Studenten-Kabarett begann, später aber auch Bedeutung in der deutschen Kleinkunstszene in Berlin erlangte. Nach einem fünfjährigen Ausflug nach Freiburg habe ich dann 1973 gleich zwei Rufe nach Heidelberg bekommen: einen vom Land Baden-Württemberg an die Ruprecht-Karls-Universität und einen vom Bund an das Deutsche Krebsforschungszentrum

Eichbaum Aktuell: Und seitdem sind Sie leidenschaftlicher Wahl-Heidelberger?
Professor Franke: Ja, ich fühle mich hier nach wie vor sehr wohl. Von meiner Wohnung an der Rückseite des Theaters habe ich zum Beispiel einen atemberaubenden Blick auf das Heidelberger Schloss und die Schlossbeleuchtung. Und wenn ich vor die Tür gehe, empfängt mich die Altstadt mit ihrer einzigartigen Atmosphäre. Aber auch in der unmittelbaren Umgebung der Stadt gibt es eine ganze Reihe wunderschöner Orte. Einer davon ist ein Biergarten direkt am Fluss, nicht weit von Neckargemünd: Wenn Sie mich an einem Sommerabend treffen wollen – dort stehen Ihre Chancen nicht schlecht.

Eichbaum Aktuell: Welche Speisen und Getränke würden wir denn in diesem Fall auf Ihrem Tisch entdecken?
Professor Franke: Irgendwas mit Fisch wahrscheinlich, ganz sicher aber ein gepflegtes Bier. Erstens weil es mir schmeckt, zweitens weil Wein meinem Magen nicht bekommt. Und um Ihrer nächsten Frage zuvorzukommen: Es gibt tatsächlich eine Sportart, bei der Bier auf der Dopingliste steht. Für die Schützen wäre es eine Art Zielwasser, deshalb dürfen sie überhaupt keinen Alkohol trinken.

Eichbaum Aktuell: Herr Professor Franke, wir danken Ihnen für das Gespräch.