Bier braucht Heimat

EIN INTERVIEW MIT PETER HAHN

Peter Hahn, ehemaliger Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, über die emotionalen und rationalen Gründe für die wachsende Beliebtheit regionaler Biere.

Eichbaum Aktuell: Herr Hahn, aktuellen Umfragen zufolge sind regionale Lebensmittel derzeit beliebter als je zuvor. Gilt das für Bier genauso wie für Obst und Gemüse?
Peter Hahn: Ja, selbstverständlich. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten: Bier war eigentlich der Vorreiter dieses Trends, der inzwischen auch im Bereich anderer Lebensmittel angekommen ist. Bier braucht Heimat – und hat sie schon immer gebraucht. Das zeigt allein schon ein Blick auf die Vielzahl regionaler Brauereien in Deutschland: Kein anderes Produkt, keine andere Branche ist so tief in den einzelnen Regionen verwurzelt.

Eichbaum Aktuell: Glauben Sie, dass sich eher der Kopf oder eher der Bauch der Genießer für Produkte aus der näheren Umgebung entscheidet?
Peter Hahn: Beides. Einerseits gibt es da eine starke emotionale Ausprägung. Das hat sicher etwas mit Vertrauen zu tun, aber auch damit, dass Bier für Geselligkeit steht, die man nun einmal fast nirgendwo intensiver erleben kann als vor Ort in der eigenen Region. Gleichzeitig spielen jedoch auch rationale Überlegungen eine große Rolle. Inzwischen machen sich immer mehr Menschen darüber Gedanken, wie die Welt aussehen soll, die wir künftigen Generationen hinterlassen. Da sind die kurzen Transportwege regionaler Produkte, die weniger verkehrsbedingte Schadstoffemissionen verursachen, natürlich ein Argument. Daneben wird der Wunsch, die heimischen Wirtschaftskreisläufe zu stärken, ebenfalls stärker. Und wenn dann auch noch die Zutaten aus der Region kommen, treffen diese Faktoren natürlich umso mehr zu.

Eichbaum Aktuell: Könnte man im weitesten Sinn von einer Art Gegenbewegung zur Globalisierung sprechen?
Peter Hahn: Das kann man durchaus. Für den Verbraucher sind die immer komplexeren weltweiten Vorgänge bei der Herstellung von Produkten ja gar nicht mehr wirklich durchschaubar. Gerade bei Lebensmitteln führt das zu einem Gefühl der Unsicherheit. Bier dagegen ist ein ehrlicher, in jeder Beziehung echter Genuss: vier natürliche Grundzutaten, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot. Da bleiben keine Fragezeichen.

Eichbaum Aktuell: Vielleicht findet auch deshalb die Globalisierung auf dem deutschen Biermarkt fast nicht statt?
Peter Hahn: In der Tat haben alle Import-Biere zusammen in Deutschland gerade einmal einen Marktanteil von acht Prozent. Das ist meines Erachtens ein mehr als klares Bekenntnis der Verbraucher zur Regionalität. Und das wird noch bestätigt durch einen Trend in der Gegenrichtung: Die Exportquote deutscher Brauereien liegt inzwischen bei 17 Prozent – mit steigender Tendenz. Vor kurzem erreichte uns die Anfrage eines chinesischen Investors, der eine regionale Brauerei in Deutschland kaufen will – und zwar nicht in erster Linie, um Kapital gewinnbringend in Deutschland anzulegen, sondern um deutsches Bier in China anzubieten. Die wirklich authentischen deutschen Biere stehen offenbar auf der ganzen Welt hoch im Kurs.

Eichbaum Aktuell: Dann halten Sie den Trend zur Regionalität also nicht für eine kurzfristige Modeerscheinung, sondern für eine langfristige Entwicklung?
Peter Hahn: Da bin ich mir ziemlich sicher. Zumal ich das nicht nur an den Zahlen ablesen kann, sondern auch live erlebe: Direkt gegenüber von meiner Wohnung in Berlin ist ein Getränkeabholmarkt – und ich sehe dort seit etwa fünf Jahren so viele neue
regionale Biere wie nie zuvor.

Eichbaum Aktuell: Herr Hahn, wir danken Ihnen für das Gespräch

"Deutsche Bierkultur ist ein Exportschlager", sagt Peter Hahn, ehemaliger Hauptgeschäftsführer, Deutscher Brauerbund