REGIONALE BIERSPEZIALITÄTEN IM AUSLAND

Bier braucht Heimat: Das gilt natürlich nicht nur für die Kurpfalz – auch in anderen Regionen sind heimische Spezialitäten besonders begehrt. Wir haben uns aufgemacht Ihnen ein paar Spezialitäten vorzustellen, die in anderen Regionen gebraut werden. Vielleicht wird Ihnen auf Ihren Reisen eine solche Spezialität begegnen.




American Red Ale - Klasse statt Masse

HOPFIGE SPEZIALITÄT - AUS PROTEST GEGEN DAS GESCHMACKSDIKTAT.

Hinter dem martialischen Namen „Craft Beer Revolution“ verbirgt sich eine durchaus kraftvolle, aber im Grunde doch sehr friedliche Bewegung. Unter diesem Namen nämlich ging ein Trend in die nordamerikanische Geschichte ein, der vor allem als Gegenbewegung gegen austauschbare Industriebiere zu sehen war.

Wie groß im Land der unbegrenzten Möglichkeiten der Wunsch nach geschmacklicher Vielfalt war, lässt sich mühelos an Zahlen ablesen: Nachdem Präsident Jimmy Carter 1978 das sogenannte Heimbrauverbot aufgehoben hatte, gab es 1994 schon 537, im Jahr 2012 bereits über 2.300 Brauereien, die mit echten Spezialitäten auf sich aufmerksam machten. In den Anfangstagen dieser leisen, aber nachhaltigen Revolution hat zum Beispiel das American Red Ale seinen Ursprung: ein eher süßliches Bier, das sich heute vor allem an der nördlichen Westküste der USA größter Beliebtheit erfreut. Zu seinen besonderen Kennzeichen gehören eine ins Rötliche tendierende Farbe, ein milder Geschmack nach Karamell-Malz und ein stark hopfiger Charakter.


Der im kanadischen Toronto ansässige Brauerei-Riese Molson versuchte übrigens, dem Trend zur regionalen Spezialität mit einer 1993 eingeführten Signature-Marke etwas entgegenzusetzen – wirklich aufhalten konnte er die Craft Beer Revolution damit natürlich nicht.



India Pale Ale - Hauptsache, trocken

ZUR VERSORGUNG DER BRITISCHEN KOLONIALTRUPPEN IN INDIEN.

Das British Empire stand im Zenit seiner Macht, als das sogenannte Bitter, auch Pale Ale genannt, in Großbritannien populär wurde. Zur Versorgung der Kolonialtruppen in Indien wurde es stärker gebraut: Der Gärungsprozess sollte sich auf der langen Seereise fortsetzen. Als Konservierungsstoff fügte man zusätzlich Hopfen bei, der das spezielle India Pale Ale bitterer machte als die Originalvariante auf der Insel.

Bei den meisten IPAs haben sich diese Besonderheiten inzwischen verloren. Einige amerikanische Brauereien jedoch halten die Reminiszenz hoch und brauen das Pale Ale in der Or iginal-India- Version. Nicht zuletzt im Nordosten der USA entstehen deshalb einige der trockensten Biere der Welt. Die Cellisten Ray und Holiday McNeill zum Beispiel betreiben in der ehemaligen Polizeiwache von Brattleboro in Vermont eine Braukneipe, in der sie ein mit East Kent Goldings trocken gehopftes IPA anbieten: ein aromatisch durchkomponiertes Bier mit öligem Hopfengeschmack als Leitmotiv, einem Kontrapunkt fester Malzigkeit und einem abschließenden Tusch wie trockenes Zedernholz.

Eines der berühmtesten IPAs der USA kommt ebenfalls aus einer Braukneipe. Sie liegt in Boston in der Nähe vom Fenway Park, dem berühmten Baseballstadion der Red Socks, und gehört zu den Touristenattraktionen der Stadt. Das nach dem Stadtteil Back Bay benannte Bier hat ein frisches Bouquet mit einem Hauch Zitronenblüte. Vor leichtem, malzigem Hintergrund entwickelt sich eine holzig-hopfige Herbheit hin zum derben, anregend bitteren Abgang.



Fruchtlambic-Biere - frische Früchtchen

FRUCHTLAMBIC-BIERE, AUS DER BELGISCHEN PROVINZ FLÄMISCH-BRABANT.

Woher die Bezeichnung Lambic stammt, darüber streiten die Gelehrten. Vielleicht stand der Ort Lembeek bei Brüssel Pate, in dem die Fruchtbiere dieses Typs gebraut werden. Vielleicht geht sie aber auch auf das flämische Wort Alambic zurück, zu deutsch: Brennkessel. Fest steht indes: Das Lambic ist eines der ältesten Biere der Welt, und es wird noch immer gebraut nach dem Verfahren der spontanen Gärung – dem Standardverfahren aus einer Zeit, in der man noch nichts über mikrobiologische Zusammenhänge wusste.

„Seine Entstehung liest sich wie ein Krimi“, steht dazu auf der Website der belgischen Region Flandern: „Die offenen Gärtanks befinden sich in den Brauereien gleich unter dem Dach. So können die frei fliegenden Hefepilze ohne Umwege ihre Arbeit verrichten.“ Dem reifenden Bier werden dann die Früchte zugesetzt, die sowohl für die jeweiligen Geschmacksnoten als auch für die Kohlensäure und eine lebhafte weitere Gärung sorgen. Zu den bekanntesten Marken gehört zum Beispiel das blumige Framboise Boon, dessen Trockenheit an Chardonnay erinnert. Pro Liter Bier werden etwa 200 Gramm Himbeeren und einige Kirschen verwendet. Die Reifung in Eichenfässern verleiht dem frischen Bier als Ausgleich zur fruchtigen Süße einen Hauch von Vanille.

Eine eigene Kirschsorte wird für eine andere Fruchtbier-Spezialität angebaut, die ihren ungewöhnlichen Namen einem beliebten Würfelspiel verdankt: Mort Subite – plötzlicher Tod. Geschmacklich präsentiert sich das herrlich ausgewogene Bier dafür umso lebendiger: Es beeindruckt durch eine sahnige Mandel- und Kirschsteinnote und einen leicht herben Abgang. Das sollten Sie bei Ihrer nächsten Belgienreise unbedingt probieren: Schol!



Englisches mild Ale - andere Regionen – andere Geschmäcker

ENGLISCHES MILD ALE, AUF MALZ GEBAUT.

Die Basis sind meist eher süßliche Malzsorten. Außerdem wird das sogenannte Mild Ale nur leicht gehopft und erscheint deshalb weniger bitter. Ursprünglich galt es als Powerdrink für Arbeiter auf dem Land und in der Industrie. Nach wie vor höchst populär ist es vor allem in den West Midlands der britischen Insel, aber auch in anderen Regionen wird es gerade wieder entdeckt.

Besonders bekannt ist das sahnige und ölige Mild Ale der Brauerei Banks in Wolverhampton, das sich durch seinen typischen, nussig-karamelligen Geschmack auszeichnet. Bis heute überlebt hat aber auch der Klassiker „Mann’s Original Brown Ale“, der sich am besten beschreiben lässt mit den Attributen „dunkel, malzig, süß und schwach“. Im Geschmack ist er weich und cremig und erinnert am ehesten an schokoüberzogene Rosinen.

Eine Fangemeinde, die weit über die britische Insel hinausgeht, hat sich das „Hull Mild“ erobert: Das schokoladige, fruchtige und weinähnliche Bier erfreut sich auch in den USA und in Kanada einer gewissen Beliebtheit. Auf der anderen Seite der Erde, vor allem in Neuseeland, startete „Mike’s Mild Ale“ seinen Siegeszug: ein Bier mit frischem, erdigem Aroma, weichem Körper und deutlichen Geschmacksnoten von Keks, Milchschokolade und Malz. Wie man sieht, sind es oft die regionalen Spezialitäten, die auf besondere Geschmäcker setzen.


Barley Wine - ein starkes Stück

EIN ENGLISCHES ALE MIT EINER EXTRAPORTION ALKOHOL.

Auch wenn der Name anderes vermuten lässt: Der Gerstenwein ist ein waschechtes Bier. Seine Bezeichnung soll vor allem zweierlei signalisieren: zum einen, dass es ungewöhnlich viel Alkohol enthält, zum anderen, dass es wegen der Verwendung von Ale-Hefe in hoher Konzentration und langer Gärungs- und Reifungsprozesse auch geschmacklich an Wein erinnert.

Entstanden ist Barley Wine in England während der Napoleonischen Kriege von 1792 bis 1815. Zunächst wollten die Briten damals keinen Wein aus Frankreich importieren, später durften sie nicht mehr. Ersatzweise wurden deshalb Biere mit einem Alkoholgehalt zwischen acht und zwölf Prozent gebraut und aus Weingläsern getrunken.

Eines der stärksten Biere dieser Gattung ist heute das „Thomas Hardy’s Ale“, das seine Premiere auf einem Literaturfestival zu Ehren des berühmten Dichters in Hardys Heimatstadt Dorchester feierte. Das Bier weist einen Alkoholgehalt von zwölf Prozent auf und reift in der Flasche. Nach kurzer Reifung ist es sämig, sahnig und voller Kraft. Mitunter schmeckt man sogar die rauchige Würze von Apfelholz. Nach etwa fünf Jahren entwickelt es ein sattes Madeira-Aroma, nach 25 Jahren schließlich bezeichnen es Kenner als schlank, schnittig und voll souveräner Eleganz.